St. Galler Bauer (Dez. 08)


Jacqueline Rubli bringt Eltern und Kindern das Singen näher

Kinder brauchen Musik
Für Jacqueline Rubli ist klar: Musik ist für die Gesamtentwicklung eines Kindes sehr wichtig. Deshalb bietet sie in Zuzwil MuKiMu-Kurse (Mutter-Kind-Musizieren) an. Ziel ist es, die angeborene Musikalität der Kinder zu unterstützen und somit jedes Kind in seinen körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten spielerisch zu fördern. 

Text: Doris Süess

«Musig wömmer hüt viel machä, singä, gumpä und au lachä, grüäzi, grüäzi minänand!» Mit diesem Lied beginnt jede MuKiMu-Stunde von Jacqueline Rubli. Gespannt sitzen knapp zehn Mütter mit ihren Kindern im Kreis auf dem Boden. Die Mädchen und Buben sind alle etwa zwei Jahre alt und teils recht unterschiedlich weit. «Manchmal werde ich gefragt, ob jemand auch hierher kommen kann, wenn sein Kind noch gar nicht sprechen kann», erzählt die diplomierte Lehrerin für musikalische Früherziehung und Grundschule. Das sei kein Problem, erklärt sie, denn «Lallen und Brabbeln sind der erste Ansatz von Singen und Reden sowieso viel schwerer als Singen selbst.» Zudem würden Kinder, welche singen, das Sprechen leichter lernen.

Jeder ist musikalisch
Heute dreht sich alles ums Thema Wasser. Jacqueline stimmt das Lied «Alli mini Entli» an. Dann spielt sie es auf dem Xylophon und schliesslich singen alle zusammen. Die Kinder kennen das Lied. Einige singen mit, anderen summen dazu und wieder andere hören einfach nur zu. Dann endlich ist es Zeit für die «Quak-quak»-Instrumente. Jacqueline hebt die Decke, unter der die Instrumente «schlafen», und ein Kind nach dem andern nimmt sich einen Triangel, eine Rassel, einen Klangstab oder ein Trömmeli, mit dem es das Lied anschliessend begleitet. Später wird zum Lied auch noch geklatscht, gehüpft und getanzt, denn die Bewegung will Jacquline Rubli unbedingt in ihre Stunden miteinbeziehen. 

«Musik ist die Muttersprache des Menschen, und jedes Kind musikalisch», ist Jacqueline Rubli überzeugt. So sei beim Menschen das Ohr das einzige Sinnesorgan, das bereits vor der Geburt voll ausgebildet ist. Aufgrund von Forschungen weiss man heute zudem, dass es für die Entwicklung der Sprache und der Persönlichkeit des Kindes entscheidend ist, dass Eltern mit ihren Kindern singen. Lange bevor ein Kind nämlich Sprache verstehen kann, begreift es über den Sprachton, den Klang der Stimme, die Gefühlslage seiner Mutter. 

«In unserer Kultur haben Singen und Musik im Alltag an Bedeutung verloren», weiss Jacqueline Rubli. Früher erfüllte Singen in fast allen Lebensbereichen, vom Wiegenlied bis zur Totenklage, wichtige psychisch und soziale Funktionen. «Solche Traditionen und das damit verbundene Liedgut droht in Vergessenheit zu geraten.» Dem will sie nun entgegenhalten. So hat sie von den Kinderliedern in den Kursen CDs gemacht und demnächst soll von ihr ein Liederbuch mit Begleitband herauskommen. Darin sind nicht nur altbekannte, sondern auch rund 200 eigene Kinderlieder aufgeführt. 

Spielerisch fördern
Inzwischen wechselte das Thema von den Entchen zu den Schiffchen. Die Kinder wiegen in den Armen ihrer Mütter. Alle singen: «Schiffli fahrä uf äm See, Schiffli fahrä uf em See.» Und dann: «Chunt en Sturm blost Schiffli um, blum…», und schon kippen alle Kinder zur Seite. Ein riesiger Spass. «Nomol!», verlangen die Kinder und so wird das Ganze noch einige Male wiederholt. Dann falten alle Mütter für ihre Kinder aus Papier ein Schiffchen, das sie mit dem Lied «I ha ä chlises Schiffli und gang dämit zum See und gib ehm denn äs Schüpfli, do fahrts dävo, juhe!» in den grossen See (blaues Leintuch) «schupfen». 

Den Kindern macht es sichtlich Spass. Sie sprechen bestens auf die Liedern, Verse, Reime, Fingerspiele, gesungenen Geschichten, Reigen und Bewegungsspielen an. «Ziel ist es die angeborene Musikalität zu unterstützen, und somit jedes Kind in seinen körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten spielerisch zu fördern», erklärt die MuKiMu-Leiterin. Ausserdem soll die Beziehung von Mutter und Kind und das Selbstvertrauen des Kindes gestärkt werden. Natürlich ist alles freiwillig. Wenn ein Kind nicht mitmachen will, ist das ihm überlassen. Jedes Kind kann aus dem Angebot nehmen, was es will und wozu es von seiner Entwicklung her bereit ist. 

«Zuhause singt meine Tochter die Lieder auf und ab», erzählt eine Mutter nach der Stunde und eine andere gesteht, dass sie die CDs mit den Kinderliedern bald nicht mehr hören könne. Früher hätte sie kaum gesungen. Doch mit den Kindern sei bei ihr auch das Singen wieder gekommen, weil sie merkte, dass diese so gut darauf ansprechen. So muss denn auch Jacquline Rubli keine Werbung für ihr MuKiMu-Angebot machen. Im Gegenteil: Die Mund-zu-Mund-Prograganda läuft so gut, dass sie mehr Kurse anbieten könnte. 

Positiv für die Entwicklung
Beim Singen werden linke und rechte Hirnhälfte gleichermassen gebraucht. Hirnstrommessungen zeigen, dass es im Gehirn kein Musik-Zentrum gibt, sondern dass bei der Verarbeitung von Musik immer verschiedene, zum Teil weit auseinander liegende Regionen des Gehirns beteiligt sind. Deshalb wundert es nicht, dass sich Musik positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirkt: Sie werden wacher, beweglicher und lernen leichter sprechen. Eine Berliner Studie zeigt zudem, dass musikalische Bildung die soziale Entwicklung fördert und dadurch auch gegen Gewalt präventiv wirkt.